07 | 02 | 2012
Das KdF-Seebad Prora

Die etwas andere NS-„Gedenkstätte" - das KdF-Seebad Prora auf Rügen

Fahrten zu Orten, die in der NS-Zeit eine Rolle spielten, führen meistens zu KZs, Vernichtungsstätten und anderen Denkmalen, an denen der Opfer der NS-Gewaltherrschaft gedacht wird. Diese Fahrten haben nach wie vor ihren Wert und stehen z.B. auch jeden Herbst (Auschwitz-Fahrt) auf dem Programm des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften.

Eine ganz andere Facette der NS-Herrschaft in Deutschland zu erfassen war Ziel einer Fahrt zum Riesenbau des KdF-Seebades Prora bei Binz auf Rügen. Beteiligt waren der Leistungskurs Geschichte und der bilinguale Grundkurs Geschichte des 3. Semesters.
Die Fahrt fand ganztägig (von ca. 7:00 morgens bis 22:00 abends) am 13. Dezember, einem Samstag, statt. Das „Schönes-Wochenende-Ticket" der Bahn machte es möglich.

KdF („Kraft durch Freude") war die Freizeitorganisation der DAF („Deutschen  Arbeitsfront"), einer Art Ersatzgewerkschaft in der NS-Zeit. Berühmt wurde KdF vor allem durch seine Kreuzfahrten mit Schiffen wie der „Wilhelm Gustloff", die allerdings nur einem kleinen, fast elitären Publikum vorbehalten waren. Ganz anders Prora - der kilometerlange Bau (wie auch vier andere solcher Riesenkomplexe an den deutschen Küsten) war für 20000 Menschen mit eher kleinem Geldbeutel, also vor allem für die Arbeiterschaft vorgesehen.

Schön für die Arbeiter, mag man denken, für die meisten war Urlaub vor der NS-Zeit doch eher ein unbezahlbarer Traum, es gab z.B. in der Weimarer Republik kaum bezahlten Urlaub für Industriearbeiter. In der NS-Zeit wurde der Jahresurlaub auf 12 oder 15 Tage ausgedehnt, damals war das Weltspitze, wie stolz betont wurde.

Aus vielen Gründen war die NS-Führung durchaus auf das Wohl der „kleinen Leute" bedacht. Mit nervösen, schlecht genährten Menschen war kein Krieg zu gewinnen - diesen Schluss zog die engere NS-Führung aus der Niederlage im ersten Weltkrieg. Mit anderen Worten: Die Weltmachtpläne Nazi-Deutschlands waren nur mit gut erholten und ernährten „Volksgenossen" durchsetzbar. Bezahlen sollten dies alles die unterjochten Völker Europas.

Und das Konzept funktionierte - die NS-Führung konnte sich sehr lange einer breiten Unterstützung, ja Begeisterung erfreuen.

Vor diesem Hintergrund sind viele der sozialen Wohltaten der NS-Zeit zu sehen, auch der Koloss auf Rügen, in dem sich nie Erholung suchende Arbeiter aufhielten, da bei Beginn des deutschen Überfalls auf Polen im September 1939 die Bauarbeiten eingestellt wurden.

Wären je Arbeiter nach Prora gekommen, so hätten sie sich wie in einer Kaserne gefühlt. Genauestens geregelter Tagesablauf, ein Leben ohne jegliche Privatsphäre mit Lautsprecherbeschallung und papierdünnen Wänden,  politische Massenveranstaltungen usw. Und Platz für „Volksschädlinge", jüdische „Untermenschen" und „unnütze Esser" war sowie so nicht vorgesehen.

Wolfgang Gehlen

 
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